Diese erste Arbeit eines neuen Jahrgangs ist ein entscheidender Faktor für den Ertrag und die Qualität eines Weines. Ohne Schnitt würde der Rebstock unkontrolliert wuchern und aus den Knospen jedes letztjährigen Triebes alljährlich neue Stockwerke aufbauen, die sich etagenförmig immer weiter ausbreiten, während die unteren Stockwerke verholzen. Da die Trauben immer nur am einjährigen Holz gebildet werden, gewährleistet der Rebschnitt die Ausgewogenheit (physiologisches Gleichgewicht) zwischen Ertrag (generatives Wachstum) und Wachstum (vegetatives Wachstum), ohne dass allzu viel altes, unproduktives Holz gebildet wird. Die Wahl der geeigneten Methode hängt vom Bodentyp (fruchtbar-unfruchtbar), der Erziehungsform (Einzelpfahl, Drahtrahmen, Pergola), dem Klima (feucht, trocken), der Rebsorte (Fruchtbarkeit, Neigung zum Verrieseln), der Unterlage sowie von lokalen Gegebenheiten ab.

Das Bild links zeigt junges und altes Holz vor dem Rebschnitt im Winter; das Bild rechts den Rebschnitt mit Rebmesser.
Die Weinrebe trägt ihre Weintrauben ausschließlich an den grünen Trieben des jeweiligen Jahres. Diese wachsen im Frühjahr aus Winterknospen (Augen), die am einjährigen Holz sitzen und bereits im Vorjahr angelegte Blütenanlagen enthalten. Der jährliche Rebschnitt sorgt dafür, dass ausreichend fruchtbares Holz erhalten bleibt, der Fruchtbereich nicht nach außen „wandert“ und übermäßige Bildung von altem, unproduktivem Holz vermieden wird.

In der Praxis bleiben beim Rebschnitt im Winter meist nur eine Fruchtrute (B) und ein Zapfen (E) am Stock stehen. Die Rebe bildet im Sommer jedoch viele Triebe, die bis zum Winter verholzen und dann als einjähriges Holz gelten. Die Graphik stellt dies schematisch dar, um zu verdeutlichen, dass aus den Augen des einjährigen Holzes im Frühjahr mehrere fruchttragende grüne Triebe austreiben. Ohne Rebschnitt würden daher zahlreiche einjährige Ruten am Stock verbleiben. Es wird somit der natürliche Wuchs der Rebe ohne den jährlichen Winterschnitt dargestellt.
A = mehrjähriges (altes) Holz
Stamm und Kopfbereich bilden das dauerhafte Traggerüst des Rebstocks und bleiben bis mehrere Jahrzehnte bestehen. Zum mehrjährigen Traggerüst zählen je nach Erziehungsform auch mehrjährige Arme bzw. Kordone, an denen das jährlich erneuerte Fruchtholz angesetzt wird. Das mehrjährige bzw. alte Holz (ab dem 3. Jahr) bei der Weinrebe erfüllt vor allem statische und physiologische Funktionen und ist dauerhaft unfruchtbar.
Die Ursache dafür ist die spezielle Wachstumsstrategie der Rebe als Kletterpflanze, die darauf ausgelegt ist, durch jährlich neu gebildete, lange Triebe rasch in lichtreiche Bereiche vorzudringen und dort sowohl Wachstum als auch Fruchtbildung zu konzentrieren. Die Fruchtbiologie der Rebe erfordert daher die jährliche Erneuerung fruchtbarer Triebe, was die zentrale Bedeutung des jährlichen Rebschnitts erklärt und begründet.
Andere Fruchtpflanzen wie zum Beispiel Apfel-, Birn-, Kirsch- und Pflaumenbäume hingegen sind keine Kletterpflanzen, sondern langlebige Kronenbäume, deren Strategie auf dauerhaften Fruchtstrukturen (Kurztrieben) beruht.
B = zweijähriges Holz (Fruchtrute, Bogen)
Die waagerecht angebundene Fruchtrute (Bogen) wird beim jährlichen Rebschnitt als fruchttragendes Holz ausgewählt (siehe Auswahlkriterien unten). Aus ihren Augen treiben im Frühjahr grüne Triebe aus, die im selben Jahr die Weintrauben tragen. Zum Rebschnittzeitpunkt handelt es sich botanisch noch um einjähriges Holz. Im darauffolgenden Winter ist dieses Holz zweijährig (deshalb in der Graphik so bezeichnet) und wird dann zumeist entfernt.
C = einjähriges Holz (einjährige Ruten)
Einjährige Ruten (verholzte Triebe aus dem letzten Sommer), die im Verlauf eines Vegetationszyklus neu gebildet werden. An ihren Nodien sitzen die Augen (Knospen), aus denen im Frühjahr neue grüne Triebe austreiben. Beim jährlichen Rebschnitt werden die meisten dieser einjährigen Ruten...
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Für meine langjährige Tätigkeit als Lektorin mit wein-kulinarischem Schwerpunkt informiere ich mich bei Spezialfragen immer wieder gern im Weinlexikon. Dabei führt spontanes Lesen und das Verfolgen von Links oft zu spannenden Entdeckungen in der weiten Welt des Weins.
Dr. Christa Hanten
Fachjournalistin, Lektorin und Verkosterin, Wien